Beffaná (St. 5, Kap. 5): Doppeltes Spiel

Beffaná denkt nach. Sie hat keine Lust sich mit Sami zu unterhalten und der Hund trottet mit hängenden Ohren auf dem Rückweg von der Schule neben ihr her. Zwischendurch bleibt Beffaná stehen, hebt eine alte Kastanie vom Straßenrand auf und betrachtet sie lange.
“Was ist damit?” fragt Sami. “Riecht nicht sehr besonders, finde ich.”
“Nein”, sagt Beffaná. “Ich weiß es nicht. Es ist nur ein Gefühl.”
Sie riecht an der Kastanie, reibt daran herum, grübelt, und wirft sie schließlich schulterzuckend in einem großen Bogen weg. Erst, als die Kastanie ihre Hand verlassen hat, merkt sie, dass das eine wirklich dämliche Idee war. Die Flugbahn der Kastanie endet direkt auf der großen Straße, auf der an einem Freitagnachmittag dichter Verkehr herrscht.
‘Verdammt!’ denkt sie, ‘Nicht auf die Straße! Flieg noch ein bisschen weiter… Bitte…!’
Und sie hat Glück, das Geschoss bleibt länger in der Luft, als sie gedacht hat und landet knapp hinter der Straße in der Böschung. Fast könnte man denken, die Kastanie habe einen kurzen Hopser in der Luft gemacht, um nicht auf einem der fahrenden Autos zu landen.

“Ist was?” fragt Sami.
“Ich frage mich”, sagt Beffaná, “wie er das gemacht hat. Mit Papa. Ist das echte Zauberei?”
Ihr Vater war erst spät in der Nacht nach Hause gekommen, sogar noch später als Beffaná und Sami. Sie konnte ihn aus ihrem Bett hören, wie er sich kichernd verabschiedete. Und heute Morgen hatten sie beide fast kein Wort verloren, beide tief in ihren Gedanken versunken.
“Du meinst den Krampus?” sagt Sami.
“Ist doch praktisch, dass Jacob und Papa diese verrückten Verabredungen hatten.”
“Finde ich auch”, sagt Sami. “Spielen wir Stadt, Land, Fluss?”
“Du hast beim letzten Mal nicht ein einziges Land mit F gewusst! Das macht keinen Spaß!”
“Ich kann schließlich nicht alle blöden Menschenländer kennen!” Sami schnaubt. “In Flüssen bin ich besser.”
“FINNLAND, Sami! Dir ist FINNLAND nicht eingefallen!”
“Finnland, irgendwas war damit, oder?”
“Du bist ein FINNISCHER Spitz, Du Eumel! Deine Rasse wurde nach Finnland benannt!”
“Das sind doch alles nur Menschennamen!” bellt Sami. “Wir Hunde nennen uns ganz anders!”
“Wie denn?”
“Suomenpystykorva!”
“Ja, du Held! Das heißt ‘Finnischer Spitz’! Auf Finnisch!”
“Ich kann Flüsse trotzdem besser”, mault Sami.
“Okay, dann los. Flüsse mit R.”
“Easy: Rinnsal, rauschender Bach, reißender Strom, Rumpelfluss, Rudolf, Renate…”
“Rudolf? Hä? Und was soll das sein, ein Rumpelfluss?”
“Na, ein Fluss! Der rumpelt!”
“Gibt’s doch gar nicht!”
“Sagt wer? Als würdest du alle Flüsse kennen!”
“Ich kann’s dir gleich im Atlas zeigen, wenn Du Wert drauf legst!”
“In einem Menschenatlas, vielleicht! Ja, Kunststück! Unsere Hundeatlas-Dingsis sind voller Rumpelflüsse und Renates! Bei uns heißt jeder zweite Fluss Renate!”
“Aber das macht doch überhaupt keinen Sinn!”
“Hä? Und du bist in ein Arschloch verliebt, dass dich grad mal mit dem Hintern anguckt! Das macht auch keinen Sinn!”
Das hat gegessen.
Beffaná tritt mit voller Wucht vor einen Stein, der mit Karacho mitten auf die Straße fliegt. Zum Glück ist grad kein Auto da, denn der hätte genau gepasst.

Zuhause wird weiterhin geschwiegen. Inzwischen ist Jacob zurück von seiner Übernachtungsparty, doch statt wie sonst alles haarklein zu erzählen, schleicht er übellaunig in der Wohnung herum. Ähnlich ihr Vater. Der stellt den Kindern nur das Essen hin und verzieht sich schnell in sein Arbeitszimmer, das eigentlich sein Schlafzimmer ist. Beffaná hatte heute keine Lust auf das Versteckspiel mit Sami in der Wohnung und hat ihn draußen vor dem Haus gelassen. Nur bis zur Schlafenszeit, verspricht sie, und stellt ihm eine Dose Hundefutter hinter’s Haus, die sie auf dem Rückweg in einem Supermarkt gekauft hat. Zwischendurch versucht Beffaná ihre Freundin Jessie zu erreichen, aber bei ihr zuhause geht niemand ans Telefon.
‘Es ist wie verhext. Und alles Mist!’ denkt sie und irgendwie freut sie sich, dass sie heute Abend wieder hier raus und in das Haus vom Krampus gehen kann. Doch Halt! Das ist vollkommener Blödsinn. Sie kann auch heute Abend nicht so einfach raus und eigentlich will sie ja auch gar nicht, denkt sie, sie hat bis jetzt nicht so richtig verstanden, was sie da gemacht hat, gestern, und warum. Und: Schickt ihr der Krampus, denn sie ist überzeugt davon, dass es der Krampus war, schickt er ihr heute wieder einen riesenhaften Köter, der ihren Vater zu Gottweißwas mitnimmt? Nein, das tut er nicht. Die Wohnungsklingel bleibt tatsächlich bis zum Abend stumm. Und als sie zum Abendessen in die Küche kommt, lächelt ihr Vater sie milde an.
“Ist schon okay”, sagt er. “Du darfst.”
“Ach ja?” Wär ziemlich hilfreich, denkt sie, wenn man wüsste, wovon Papa eigentlich redet.
“Klar.” Ihr Vater steht von seinem Stuhl auf und nimmt Beffaná in den Arm. “Ich weiß ja, wenn du bei Jessie bist, ,uns ich mir keine Sorgen machen. Ich hab mich ehrlich gesagt schon ein bisschen gewundert, dass ihr in letzter Zeit so wenig zusammen unternehmt.”
“Ach… ja…” Beffana´ schaut wohl ein bisschen dämlich au der Wäsche, jedenfalls fuchtelt Jacob hinter Papas Rüchen mit beiden Händen hektisch in Richtung der Küchenablage, beziehungsweise, eines Zettels, der dort liegt.”
“Was… ähm…” stammelt Beffaná. “Ich meine, warum, ähm… darf ich denn jetzt, also…”
“Ich muss dir danken”, sagt ihr Vater. Er sagt es fast ein bisschen feierlich. “Wirklich, Dein Brief hat mir die Augen geöffnet. Schließlich ist die ganze Situation für dich nicht einfach. Das verstehe ich. Verstehe ich jetzt besser, meine ich. Manchmal vergisst man als Erwachsener, was es bedeutet, reifer, nun, irgendwie, also, was es bedeutet, groß zu werden. Verstehst du? Eines Morgens aufzuwachen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Mit diesem neuen Hunger auf… wie soll ich sagen, auf Leben, und Erfahrungen, und, nun ja, wahrscheinlich auch auf eigene Fehler. Ergibt das Sinn? Du hast das einfach so viel besser formuliert in Deinem Brief. Er hat mich sehr nachdenklich gemacht, aber auch sehr stolz…”
Hinter seinem Rücken steckt Jacob sich einen Finger in den Hals und tut so, als würde er sich selbst nach Art eines Samurais erdolchen. Beffana´ verkneift sich irgendwie ein Lachen, aber als Jacob anfängt, leise Furzgeräusche zu machen, springst Beffaná schnell auf und dreht ihr Gesicht von ihrem Vater weg.
“Danke, Papa, kann ich, also darf ich meinen Brief noch mal kurz mitnehmen, ich wollte das noch, also ich wollte da noch über was wichtiges Nachdenken.”
“Na klar, meine Grüße”, sagt ihr Vater. “Aber beeil Dich, du wolltest doch um halb acht bei Jessie sein.”
“Ja, nee, ist klar…”
Jacob ist gerade dabei, sich zum dritten Mal hinter dem Rücken ihres Vaters zu erhängen und guckt dabei wie Spongebob, wenn der einen Amboss auf den Kopf bekommt.
Beffaná schafft es gerade noch in ihr Zimmer, bevor sie losprustet.

Der Brief ist furchtbar!
“Was für eine schwülstige Kacke!” flucht Beffaná. Was auch immer der Krampus beim Schreiben genommen hat, er muss dringend damit aufhören! Okay, es scheint bei ihrem Vater irgendeinen Nerv getroffen zu haben, aber ‘erwachende Knospe meiner Jugend’?! Der hat doch nicht mehr alle Latten am Zaun! Und sind das neben ihrer Unterschrift (die übrigens wirklich aussieht wie ihre) echte Tränen? Beffaná befühlt das Papier und riecht schließlich daran. Und da…: Das kann doch nicht wahr sein! HUNDEFUTTER! ‘Du mieses Stück Fell!’ schnaubt sie, ‘na warte!’ In Windeseile zieht Beffaná sich an, packt zur Tarnung einen Rucksack mit Zahnbürste und Schlafzeug ein und stürmt mit einem “Tschüß Papa, bis Morgen!” zur Tür.

Ihre Wut macht Beffaná irgendwie widerstandsfähig gegen die seltsame, geistige Vernebelung von gestern. Mit Sami auf dem Schoß sitzt sie im Bus in Richtung Endstation, nachdem sie ihn am verabredeten Treffpunkt hinter’m Haus abgeholt hat. Sie hat noch nicht entschieden, wie sie ihn mit ihrer Entdeckung konfrontieren soll. Dass er hinter dem ganzen Hokuspokus steckt. Aber es ist ja auch ganz logisch! Nur ein Hund kommt doch auf die hanebüchene Idee, ihren Vater mit einer Bulldogge zu verabreden! Aber wie hat er das gemacht? Hat er Zauberkräfte? Oder ist er ein Hypnotiseur ? Das kann nicht sein, Sami hat ihrn Vater ja nie angeschaut. Er ist nicht mal in seiner Nähe gekommen. Wahrscheinlich hat der Krampus ihm ein paar seiner Tricks beigebracht, um Beffaná immer wieder in den Wald zu locken. Sami auf ihrem Schoß scheint zwar zu merken, dass irgendwas nicht stimmt, aber hier im Bus kann er nicht fragen. Und dann im Wald tut Beffaná so, als wäre sie in Gedanken. Beim Krampus angekommen, überfällt sie allerdings augenblicklich ein ähnliches Gefühl wie beim ersten Mal. Eigentlich, hatte sie sich im Bus überlegt, wollte sie die beiden, den Krampus und Sami, sofort zur Rede stellen, ihnen sagen, wie schäbig sie es findet, dass Sami ein doppeltes Spiel mit ihr spielt. Aber dieses Vorsatz verfliegt, sobald der Krampus die Haustür geöffnet hat. Tiefe, warme Schwärze, Flüstern, die Augen des Krampus, das ist alles, an das sich Beffaná erinnert und, vielleicht, vielleicht ein leises Gemurmel um sie herum. Andere Stimmen? Andere Menschen? Sami kann es nicht sein, ihn haben sie in der Küche zurückgelassen, dem einzigen Raum in diesem Haus, den Beffaná bisher bei Tageslicht gesehen hat. Irgendwann, in einer Pause, oder auch am Schluss des Treffens, da ist sie sich im Nachhinein nicht sicher, wird Beffaná Zeugin, wie der Krampus in der Küche seltsam aussehendes Wesen empfängt. Nicht Menschen. Wesen. Geflügelte. Behufte, Gehörnte. Wesen mit zwei Köpfen und zum Schluss etwas, das aussieht, wie Beffaná sich in etwa einen Zombie vorstellt. Er trägt viel zu weite Kleidung, die um seinen völlig abgemagerten Körper schlackert, und irgendwann, doch das muss eine Täuschung sein, verliert er einen Finger auf dem Boden. Beffaná versteht nichts von dem, was der Krampus mit den Wesen bespricht. Doch es wirkt, als würden sie ihm Bericht erstatten und mit neuen Aufträgen wieder fortgeschickt und als sie sich anstrengt, mehr zu verstehen oder durch den Nebel ihres Geistes zu sehen, da sitzt sie schon mit Sami im Bus. Dieses Mal ist es bereits morgens. Die Sonne kriecht hinter den Wipfeln des Waldes in ihrem Rücken hervor und Beffaná ist so müde, dass sie während der Fahrt mehrmals einnickt. Erst zuhause im achten Stock, kommt sie wieder einigermaßen zu sich, gerade genug, um ihren erstaunten Vater zu begrüßen, der noch im Schlafanzug an der Kaffeemaschine steht.
“Beffaná! Du bist aber früh!”
“Wir haben die ganze Nacht gequatscht”, sagt Beffaná, und das ist streng genommen nicht einmal gelogen. “Sei mir nicht böse, Papa, aber ich muss dringend noch ein bisschen Schlaf nachholen.
“Ist ja Samstag”, sagt ihr Vater. “Ab ins Bett mit Dir!”
Benommen taumelt Beffaná in ihr Zimmer. Sami! Richtig, sie hat ihn mit nach oben genommen und irgendwie ins Zimmer geschmuggelt. Jedenfalls steht er erbost vor dem Adventsstrauch und funkelt ihn böse an.
“Es geht nicht, Beffaná! Ich hab mir ganz genau den Spruch gemerkt, aber ich kann’s nicht!”
“Der Spruch ist egal”, murmelt Beffaná. Wollte sie den Hund nicht eigentlich zur Rede stellen? Ja, vielleicht. Nachdem sie ein bisschen geschlafen hat.
“Wie, der Spruch ist egal?” fragt Sami.
“Ich kann sagen, was ich will. Mit dem Spruch ist es nur schöner. Hier, Bonsai, mach die Blüte auf, du Strauch! Potz-dings.”
Und während sich 5 Weidenkätzchen öffnen, legt Beffaná den Finger eines Zombies auf den Nachttisch und schläft sofort ein.

Beffaná (St. 5, Kap. 4): Das Versprechen

Beffaná erwacht von den typischen Morgengeräuschen ihres Vaters in der Küche und sie hört, wie er sich mit Jacob unterhält. Beffaná schaut auf die Uhr, es ist schon kurz vor sieben. Noch immer halb schlafend tastet sie neben ihrem Bett herum, bis sie das Fell des kleinen Hundes berührt. “Kein Traum”, denkt sie. Und obwohl der Abend gestern, die Diskussion mit ihrem Vater vor allem, ziemlich heftig gewesen war, ist sie doch froh, dass es jetzt einen Sami in ihrem Leben gibt.
“Aufstehen!” flüstert sie. “Wir müssen raus!”.
Sami hat sich noch nicht einmal richtig geschüttelt, da hat Beffaná ihn schon auf den Arm genommen und schleicht auf Zehenspitzen mit ihm zur Haustür. Zweimal stoppt sie, um sicherzugehen, dass Jacob und ihr Vater in der Küche nichts bemerken.
“Ich hol dich gleich hier ab”, flüstert sie. “Versteck dich inzwischen… hm, es darf dich niemand sehen…”
“Bei der Haustür, in der Ecke hinter den Briefkästen”, schlägt Sami vor.
“Perfekt!” sagt Beffaná und wundert sich, wie gut der Hund sich auskennt. Hat er sie auch zuhause observiert? Offensichtlich.
“Bis gleich, flüstert sie, schließt die Wohnungstür hinter sich und geht in die Küche.
“Guten Morgen. Papa, warum hast du mich nicht geweckt?”
“Ich dachte, ich lass Dich schlafen. Es war so spät heute Nacht. Ich schreib Dir eine Entschuldigung für die ersten beiden Stunden.”
Jeden anderen Tag gerne, denkt Beffaná, aber heute nicht.
“Das geht nicht, Papa, wir schreiben eine Arbeit.”
“Sei doch froh, dann musst du nicht mitschreiben.”
“Nein, Papa, ich muss pünktlich sein, wirklich.”
Jacob rollt mit den Augen. “Papa! Dummkopf! Sie will zu Joshua!”
Doch diesmal bekommt er von seiner Schwester und seinem Vater nur einen bösen Blick und zieht maulend ins Bad ab.
“Um ehrlich zu sein”, sagt Beffaná, “muss ich heute sogar früher los. Will noch was fragen vorher. Wegen der Arbeit.”
“Okay, wie du meinst”. Beffaná ist erleichtert und wundert sich, wie leicht sich eine Lüge anfühlen kann. ‘Um ehrlich zu sein’?! Wenn der wüsste.
“Nimm wenigstens noch einen Schluck Tee” sagt ihr Vater, doch sie winkt ab.
“Keinen Durst. Aber ich nehm’ mir einen Müsliriegel für die Busfahrt. Bis heute Nachmittag!”
“Pünktlich!” sagt ihr Vater. “Verspricht es.”
“Pünktlich.” sagt Beffaná.

Der Schulweg dauert lang, denn Beffaná nimmt nicht den Bus, sondern geht zu Fuß. So kann sie neben Sami laufen. Der kaut misstrauisch auf seiner Hälfte des Müsliriegels herum.
“Schmeckt komisch”, mault er.
“Lass mich raten”, sagt Beffaná. “Zu wenig Katzenaroma?”
“Nein, zu süß.”
Der Schulweg macht zusammen mit Sami viel mehr Spaß, als alleine im Bus zu sitzen. Beffaná versucht mit ihm zusammen Stadt-Land-Fluss ohne Aufschreiben zu spielen, aber Geografie ist absolut nicht Samis Stärke. Beffaná gewinnt jedes Mal haushoch.

Später in der Schule ist es dafür umso furchtbarer. Alle starren sie an, zumindest hat Beffaná das Gefühl. Welche Eltern hat ihr Vater gestern alles angerufen? Tuscheln sie? Jessie, ihre einzige richtige Freundin in der Klasse, fehlt heute. Und Joshua? Beachtet sie nicht. Guckt sie nicht einmal an in den ersten beiden Stunden. In der Pause wird es Beffaná zu blöd und sie geht zu ihm hin.
“Entschuldige, dass mein Vater gestern bei euch angerufen hat”, sagt sie.
“Hat er?” fragt Joshua. Ist es ihm wirklich egal, oder tut er nur so?
“Weil er mich gesucht hat!” sagt Beffaná.
“Okay. Und was hat das mit mir zu tun?”
“Haben’s deine Eltern gar nicht erzählt?” fragt sie, aber er zuckt nur mit den Schultern. “Kann sein. Eltern, oder?”
Das wars. Beffaná überlegt noch, was sie antworten soll, als Joshua sich schon halb abwendet und in seinem Rucksack wühlt. Sie steht noch einige Sekunden vor ihm, dann wird es Beffaná zu blöd und sie stampft zu ihrem Platz. Doch vorher, schon während sie sich umdreht, schnappt sie sich den Bleistift, auf dem Joshua während des Unterrichts immer herumkaut, und steckt ihn schnell in ihre Tasche.

Der Schultag zieht sich ewig hin und Beffaná ist froh, als sie von Sami am Schultor begrüßt wird. Auf dem Rückweg besprechen sie, wie des weitergehen soll.
“Ich kann heute Abend nicht zum Krampus”, sagt Beffaná. “Du hättest meinen Vater heute Nacht erleben sollen. Wenn sowas noch mal passiert, dann… ich weiß nicht. Wird’s schlimm.”
“Aber du musst”, sagt Sami. Er bleibt mitten auf dem Bürgersteig stehen und schaut sie an. Ernst? Traurig? Herausfordernd? Im Lesen von Samis Hundemimik ist Beffaná noch nicht besonders gut.
“Du hast es versprochen, Beffaná!”
“Nichts hab ich versprochen!” ruft sie. “Er hat gesagt ‘Seid pünktlich!’. Ich hab weder ja noch nein gesagt.”
“Doch”, sagt Sami. “Und ob! Nach dem Abendessen!”
“Abendessen? Aber wir waren doch nur kurz…” Beffaná stutzt. Nein, waren sie nicht. Sie war erst nach Mitternacht zuhause. Sie erinnert sich jetzt, wie sie den Fahrer des Nachtbusses überredet hat, Sami mitnehmen zu dürfen, obwohl sie kein Geld mehr für eine Fahrkarte für ihn hatte.
“Aber, was haben wir denn die ganze Zeit gemacht?”
Sami schüttelt sich. “Das weiß ich nicht, nicht mein Revier. Ich war in der Küche.”
Beffaná stapft eine Weile schweigend vor sich hin, dann fällt ihr etwas ein.
“Sami, du wolltest gar nicht mit mir mitkommen, oder? Ich weiß noch, dass Du gejault hast, als der Krampus sagte, Du sollst mit mir mitgehen.”
“Ich weiß nicht”, sagt Sami. “Daran erinnere ich mich nicht.”
“Doch, doch! Er hat dir einen Hundekuchen gegeben und danach warst du plötzlich total happy, mit mir mitzugehen.”
Sami schüttelt sich kurz, läuft aber weiter ungerührt neben Beffaná her.
“Ich bin auch total happy” sagt er. Dann bleibt er doch stehen.
“Weißt du Beffaná, der Krampus ist ein komischer Kerl. Und irgendwas in seinem Haus ist mega-seltsam, das stimmt. Aber er ist okay. Und du hast ihm gestern fest versprochen, wiederzukommen. Du hast sogar was unterschrieben, glaub ich.
“Ich habe WAS?!”
“Beffaná, du wolltest doch, dass dieser Junge auf dem Foto dich mag!” bellt Sami. “Der Krampus sorgt dafür, glaub mir! Er bringt dir die richtigen Tricks bei! Und im Gegenzug machst du ein paar Besorgungen für Ihn in der Stadt. Genau wie ich. Das ist alles. Er ist schon häufig betrogen worden. Er will nur sichergehen, dass sich die Menschen an ihr Versprechen halten.”
Beffaná ist unruhig. Auf keinen Fall darf es passieren, dass ihr Vater sich noch einmal solche Sorgen um sie macht. Wie soll sie abends noch mal rausgehen? Und warum eigentlich? Dann hat sie’s halt versprochen, soll er doch versuchen, sie zu zwingen! Und ja, irgendwie ist sie schon neugierig, was genau der Krampus für Tricks kennt, damit andere Menschen anfangen, einen zu mögen. Aber es geht eben nicht.

Doch – es ist ganz einfach. Kurz nachdem Beffaná zuhause ist und Sami in einem unbeobachteten Moment in ihr Zimmer geschmuggelt hat, klingelt es und Jacob wird zu einer Übernachtungsparty abgeholt.
“An einem Donnerstagabend?” wundert sie sich, aber ihr Vater zuckt mit den Schultern. “Wird von der Schule organisiert. Du weißt schon: Adventsnacht oder sowas. Das steht doch schon ewig fest. Jacob redet schließlich seit Tagen von nichts anderem, denk doch mal nach!”
Beffaná versucht es, aber sie erinnert sich absolut nicht. Und dann, nach dem Abendbrot, wird es noch seltsamer. Ihr Vater zieht seinen Mantel an und kommt in ihr Zimmer. Gerade noch schafft es Beffaná, Sami unter ihrem Bett zu verstecken, als ihr Vater in der Zimmertür steht.
“Beffaná, ich gehe noch mal raus. Es wird spät werden heute Abend. Geh bitte rechtzeitig ins Bett, okay? Und versprichst du mir, dass du heute mal nicht abhaust?”
Dabei zwinkert er ihr zu. Er hat ihr noch nie zugezwinkert!
“Wohin gehst du denn?” fragt sie. Beffaná ist vollkommen verwirrt.
“Dürfen Erwachsene denn keine Geheimnisse haben?” fragt ihr Vater, zwinkert ihr noch einmal zu und geht in Richtung Wohnungstür, als es bereits klingelt.
Beffaná lugt in den Eingangsflur, um zu sehen, mit wem sein Vater wohl verabredet ist. Doch sie traut ihren Augen kaum und kann nur mit Mühe einen Schrei unterdrücken! In der Tür steht eine riesengroße Bulldogge, die regungslos wartet, bis ihr Vater sich seine Jacke angezogen und den Schlüssel eingesteckt hat. Ihr Vater dreht sich noch einmal um, winkt Beffaná zum Abschied und sie hört noch ein “Gut siehst du heute Abend aus…” bevor die Wohnungstür sich hinter ihnen schließt.

Beffaná rennt in ihr Zimmer, um Sami alles zu erzählen, doch der steht schon schwanzwedelnd vor ihrem Bett.
“Wollen wir los? Wir sollten nicht zu spät zum Krampus kommen.”
Ab dem Zeitpunkt, wo Beffaná und Sami das Haus verlassen haben, verschwimmt alles um sie herum. Beffaná nimmt schemenhaft den Bus wahr, und wie sie bis zum Waldrand fahren. Sie laufen kurz – oder auch lang? – über dunkle Waldwege und kommen endlich bei dem grauen Haus in der Senke unter den Buchen an. Der Krampus begrüßt sie fast geschäftsmäßig, sperrt den handzahmen Sami in der Küche ein und führt Beffaná… Tja, sie weiß es nicht. Da sind nur Dunkelheit und Flüstern und die bohrenden Augen des Krampus. Zwischendurch eine kurze Pause in der Küche, in der sie vor sich hinstarrt und den kleinen Spitz hinter den Ohren krault. Irgendwann, Ewigkeiten später, ein Abschied, wieder Wald, Nachtbus und die Treppe hoch schleichen bis in den achten Stock. Kurz glaubt Beffaná ein Atmen hinter Frau Schniggenfittichs Tür zu hören, aber sie ist sich nicht sicher und irgendwie ist es ihr auf seltsame Weise vollkommen gleichgültig. Erst als sie mit Sami in ihren Zimmer steht, die Tür hinter sich geschlossen hat und der Hund erwartungsvoll vor der Vase mit den Weidenzweigen hin- und herhopst, kommt Beffaná wieder ganz zu sich.
“Beffaná”, sagt Sami, “Du darfst die vierte Blüte öffnen. Es ist halb eins!”
“Potzblitz…” murmelt Beffaná. “Potzblitz, Potzlitz, Potzblitz…”

Beffaná (St. 5, Kap. 3): Krampus

Endlich erreichen sie den achten Stock.
“Du musst jetzt leise sein”, flüstert Beffaná. “Keinen Mucks, bis wir in meinem Zimmer sind.”
Sie kann Sami im Dunkeln hinter sich kaum erkennen, aber sie hört, wie er hechelt und an der Tür herumschnüffelt. Vorsichtig dreht sie den Schlüssel im Schloss herum.
“Komm herein und dann links den Flur herunter, es ist die letzte Tür rechts.”
Der kleine Hund flitzt zwischen ihren Beinen hindurch und verschwindet im Dunkeln, als sie noch leise ihre Schuhe auszieht.
“Beffaná!”
In der Küche geht das Licht an und ihr Vater steht in der Tür.
“Wo warst du?”
“Weg”. Irgendwie dämmert es Beffaná erst jetzt, was eigentlich passiert ist.
“Ich bin fast umgekommen vor Sorge!” Ihr Vater muss unglaublich böse sein, aber er ist auch sehr erleichtert. Er nimmt Beffaná in die Arme und drückt sie so fest an sich, dass sie fast keine Luft mehr bekommt.
“Ich dachte, du bist vielleicht wieder spazieren…” stammelt sie.
“Wir wollten doch reden! Ich hab den ganzen Abend gewartet.”
“Wir können ja reden”, sagt Beffana unsicher.
“Es ist halb eins!” zischt ihr Vater. “Ich, ich hab schon bei der Polizei angerufen!”
“Bei der Polizei? Oh Mist, das tut mir leid…”
“Setz dich hier hin und rühr dich nicht vom Fleck! Ich sag da kurz Bescheid, dass du wieder da… Ist alles in Ordnung mit dir? Bist du verletzt? Brauchst du irgendwas?”
Ihr Vater nimmt sie noch mal in den Arm. Beffaná kommen die Tränen.
“Nein, Papa, ich mein, ich brauch nix, alles in Ordnung, mir geht’s gut!”
Eine Minute lang hält ihr Vater sie fest an sich gedrückt, dann schiebt er sie ein Stück von sich weg und mustert sie von unten bis oben.
“Bist du sicher?”
“Ja! Alles picobello! Knorkissimo! Ehrlich!”
“Okay. Hinsetzen. Nicht bewegen. Bin gleich wieder da.”

Beffaná setzt sich an den Küchentisch. Die Reste vom Abendbrot sind nicht abgeräumt, auch ihr Teller steht noch an seinem Platz, unberührt, mit einem sauberen Messer rechts und einer Tasse Tee daneben. Sie nippt. Kalter Kräutertee. Ihre Lieblingsorte. Sie hört ihren Vater im Wohnzimmer telefonieren. Laut, erleichtert. Was hat sie sich nur dabei gedacht? Halb eins! Sie hat vollkommen die Zeit vergessen! Klar, irgendwie hatte sie schon geahnt, dass es ganz schön spät ist, aber so spät? Ihr Vater kommt zurück in die Küche.
“Alles in Ordnung. Der Polizist war ganz nett. Meinte, dass passiert ziemlich häufig in deinem Alter.
“Papa, das hat doch nix mit meinem Alter zu tun!”
“Dieser Joshua, hab ich Recht? Seine Eltern meinten, dass er bis zehn beim Training war.”
“Beim Training?! Papa, du hast Joshuas Eltern angerufen?”
“Beffaná, ich hab die ganze Welt angerufen! Ich hab mir Sorgen gemacht!”
“Ich war nicht bei Joshua! Ich weiß überhaupt nicht, wo der wohnt!”
Ihr Vater rennt wie angestochen in der Küche hin und her. Zwischendurch beugt er sich runter zu seiner Tochter, drückt sie einmal fest, dann rennt er weiter.
“Du kannst es mir doch sagen! Wir haben doch sonst keine Geheimnisse!”
Pff. Ja, nee, denkt Beffaná. Sagt der Vater, der halbe Tage und Nächte verschwindet, um ‘Spazieren’ zu gehen. Sagt der Vater, der immer sofort durchdreht, wenn ich frage, wie Mama so gewesen ist.
“Beffana! Sag doch was!”
“Es war gar nix! Überhaupt nix! Ich war im Wald, das ist alles! Und jetzt bin ich wieder da!”
“Wie, im Wald?” Ihr Vater setzt sich auf den Platz ihr gegenüber, wo sonst immer Jacob sitzt. Vor ihm steht noch ein halb ausgetrunkenes Apfelsaftglas vom Abendbrot.
“Ich hab im Bus nicht aufgepasst und bin bis zur Endstation gefahren. Und weil der Bus zurück erst ‘ne halbe Stunde später ging, bin ich im Wald spazieren gegangen.”
“Beffaná, das ist 16 Stunden her! Du bist doch nicht 16 Stunden durch den Wald gelaufen!”
“Na doch, irgendwie schon.”
“Es ist Dezember, es ist doch schweinekalt im Wald!”
“Die Busfahrerin hat mir heißen Kaffee spendiert…”
Ihr Vater springt wieder auf.
“Moment, die Busfahrerin hat dir Kaffee spendiert und dich in den Wald abmarschieren lassen? Welche Linie war das? Das ist doch unmöglich!”
“Nein, Papa, so war das nicht. Sie ist auf’s Klo gegangen und ich hatte keine Lust mehr, rumzusitzen, und da sind wir losgezogen in den Wald.”
“Also doch! Wir!” ruft ihr Vater. Hinten, in Jacobs Zimmer geht ein Licht an.
“Ja, wir! Ich und die Kaffeekanne.
Es gibt eine wichtige Sache, die Beffanás Vater ein bisschen zu streng sieht. Die Sache mit den Haustieren nämlich. Haustiere sind ein No-Go. Beffanás Vater ist ein absoluter Haustiergegner und lässt überhaupt nicht mit sich diskutieren in diesem Punkt. Haustiere, sagt er, sind Gefangene. Immer. Beffaná kennt zwar hundert Beispiele, wo Haustiere überhaupt nicht den Eindruck machen, Gefangene zu sein. Im, Gegenteil. Wo Haustiere total Happy zu sein scheinen. Aber ihr Vater bleibt vollkommen stur. Wenn Tiere in Wohnungen leben wollten, würden sie sich welche bauen sagt er. Zwar gibt es Tiere wie Mäuse oder Spinnen, die freiwillig in Häuser kommen, aber er hätte noch nie gehört, dass Kinder sich sowas als Haustier wünschen.
“Aber sie sind so gezüchtet!” hat Beffaná das letzte mal geschrien, als sie sich zum hundertsten Mal darüber gestritten haben.
“Und Zucht ist überhaupt die größte Scheiße!” hat er da nur geblafft und war für den Rest des Abends draußen verschwunden. Spazieren. Und jetzt gerade sieht er so aus, als stünde er kurz davor, wieder rauszurennen und Spazieren zu gehen. Wohl eher zu rennen, denkt Beffaná. Doch er bleibt in der Küche.
“Was heißt denn hier Kaffeekanne? Hast Du einer Busfahrerin den Kaffee geklaut?”
“Ich fass es einfach nicht, dass du bei Joshua angerufen hast!” ruft Beffaná. Sie fasst es wirklich nicht. Gut, kann sein, dass sie auch ein kleinwenig ablenken will, aber trotzdem. Sie könnte im Boden versinken. (6:30)
Plötzlich steht Jacob neben ihr. Er hat seinen Stoffaffen in der Hand und blinzelt ins Küchenlicht.
“Papa, geh von meinem Platz runter!”
“Na toll”, brummt Beffanás Vater. Er nimmt Jacob auf den Schoß. “Haben wir dich geweckt?”
“Ich hab geträumt, Beffaná hat einen Hund. Kann ich auch einen? Wenn Beffaná darf, darf ich auch!”
Beffaná vermeidet, ihren Vater anzusehen.
“Papa, wär’s okay, wenn ich jetzt heiß dusche und dann ins Bett gehe. Ich bin müde.”
Ihr Vater streichelt Jacob über den Kopf, der schon wieder halb eingeschlafen ist.
“Na klar. Aber richtig heiß duschen, versprich mir das.”

Als Beffaná aus dem Bad in ihr Zimmer kommt, liegt Sami auf dem Teppich vor ihrem Bett.
“Beffaná”, sagt er.
“Ja?”
“Ich hab Hunger.”
“Ach, natürlich! Was isst du denn so?”
“Katzen.”
“Was?”
“Ein Witz, Beffaná. Weiß nicht. Hast du Haferflocken?”
“Öhm. Ja, schon. Du isst Haferflocken?”
“Oder Katzen. Such’s Dir aus.”
“Mit Milch oder mit Wasser?”
“Mit Wasser!” Sami schüttelt sich. “Stimmt ds, das ihr Menschen die Milch von Kühen trinkt?”
“Ich, ähm, denke schon”. Beffaná zögert. Darüber hat sie irgendwie noch nie nachgedacht.
“Wasser, definitiv”, sagt Sami.
Jacob und ihr Vater sind nirgends zu sehen. Beffaná holt eine Schüssel Haferflocken mit Wasser aus der Küche, schließt ihre Zimmertür hinter sich und setzt sich zu Sami auf den Teppich.
“Was ist das, das da, in der Ecke?” fragt der Hund, nachdem sie eine Weile nebeneinander gesessen haben.
“Ein Adventskalender”, sagt Beffaná. “Papa macht uns jedes Jahr einen.”
“Ich weiß, was ein Adventskalender ist”, schnaubt Sami. “Und das da”, damit er deutet mit der Schnauze auf eine Art Reisigbusch in einer hohen Vase, “Das ist jedenfalls keiner.”
“Doch, schau!” sagt Beffana. Sie geht auf den Busch zu und hockt sich davor.
“Zum ersten Mal, zum zweiten Mal, zum dritten Mal: Öffne dich!” flüstert sie und zwinkert Sami zu.
In der Vase raschelt es, es ist fast, als ginge ein Windhauch durchs Zimmer, die Zweige richten sich ein Stück weit auf und aus ein, zwei, drei Knospen entfalten sich große Weidenkätzchen.
“Wie hast du das gemacht?” Sami läuft schwanzwedelnd zu ihr hin und schnuppert.
“Das verrate ich dir erst, wenn du mir sagst, was dein Herrchen, dieser Krampus eigentlich für einer ist…”

‘Die beiden waren tatsächlich den ganzen Tag im Wald unterwegs gewesen. Nachdem Beffaná sich von ihrem ersten Schreck erholt hatte, dass dieser Hund tatsächlich mit ihr sprechen konnte, hatte er sie mitten in den Wald geführt. Seinen Namen, Sami, hatte ihm sein erstes Frauchen gegeben, eine alte Lehrerin. Sie stammte aus Finnland, wie auch seine Eltern. Sie gehörten zur Familie der Suomenpystykorva, einer alten finnischen Hunderasse, wobei es Sami eigentlich schnurzpiepegal war, ob sie nun Mischlinge, deutschee Schäferhunde oder eben Suomenpystykorvae, finnische Spitze waren.
“Fressen alle gerne Katzen!” grinste er.
“Jetzt hör mal mit den blöden Katzenwitzen auf!”
“Schon gut.”
Sein neues Herrchen, Krampus, lebte mitten im Wald. Er hatte Sami aus dem Tierheim geholt, als sein altes Frauchen gestorben war. Fast drei Stunden hatte es gedauert, bis sie schließlich vor seiner Tür standen. Das Haus war kaum zu sehen mit seinem dunkelgrauen Dach in einer Senke unter dicht wachsenden, mächtigen Buchen.
“Warum will dein Herrchen mit mir sprechen?” hatte Beffaná gefragt, kurz bevor sie den schweren Messingklopfer an die Tür schlug, doch Sami schüttelte sich nur.
“Menschenangelegenheiten”, meinte er. “Nicht mein Revier.”
“Da kann der Hund schon sprechen, aber er erzählt nix”, sagte Beffaná. “Kurios.”
Ein Mann öffnete. Er war klein und breit und besaß das hässlichste Gesicht, das Beffaná je gesehen hatte.
“Was willst du?” schnaubte er. Dann bemerkte er den Hund.
“Was will die hier?”
“Sie ist SIE”, zischte Sami. “DAS MÄDCHEN!”
“Was zum Teufel?” Der Mann blickte von Sami zu Beffaná.
“Die ich observieren sollte” nuschelte Sami. “In der Stadt.”
“Welchen Teil von OBSERVIEREN hast du idiotische Töle eigentlich nicht verstanden? Von HERBRINGEN war nie die Rede!”
“Mal ganz ruhig, Brauner!” Beffaná hielt dem Zwerg die Isolierkanne mit Kaffee unter die Nase. “Sami hier meint, sie steh’n auf das Zeug.”
Der Zwerg, Krampus, nahm die Kanne und schraubte sie misstrauisch auf.
“Ist lauwarm. Trotzdem besser als nix. Kommt herein.”
Sie setzen sich alle gemeinsam in die kleine Küche neben der Haustür. Krampus schien es wichtig zu sein, dass Beffaná möglichst wenig vom Rest des Hauses sah.
“Warum hat ihr Hund mich OBSERVIERT?” fragte sie.
“Weil ich Leute suche”, grummelte er. “Junge Leute, mit Potential. Leute aus der Stadt.”
“Und warum ausgerechnet mich?”
“Papperlapapp, ausgerechnet! Was heißt denn hier ausgerechnet? Hätt’ auch wer anders sein können”, schnaubte der Zwerg. “Ich observiere viele Leute, oder, lasse observieren, manchmal. Klappt aber nicht immer”. Dabei schaute er den Hund grimmig an.
“Aber der Bus!” bellte Sami “Aber der Bus mit ihr drin ist immer weiter gefahren bis fast in den Wald! Da dachte ich, das kann ja kein Zufall sein! Ich hol die Alte doch auch immer von der Bushaltestelle…”
“Aus! Jetzt! Sami!” Fast bellte der Zwerg zurück. “Du denkst ein bisschen viel. Also, was ist jetzt? Macht sie mit oder nicht?”
“Wobei denn überhaupt”, fragte Beffaná. Sie hasste es, wenn andere über sie redeten, also sei sie gar nicht da.
“Gut”, sagte er Zwerg. “Hat er also wenigstens den Mund gehalten.” Er ging zum Küchenschrank und holte ein großes Foto im DIN-A4-Format aus der obersten Schublade heraus.
“Hier”, er reichte Beffaná das Foto. “Interesse?”
Das Foto war von Joshua. Am Schultor, wie er sich mit einem Freund unterhielt.
“Was soll das?” fragte Beffaná.
“Soll er dich mögen, oder nicht?”
“Er mag mich. Er schreibt mir Zettel.”
“Ist das so?” lachte der Zwerg. Er zeigte ihr die Rückseite des Fotos. Lauter Kritzeleien. Schriftproben, angefangene Sätze. “Liebe Beffaná, willst Du mit mir ins Kino? Joshua”.
Beffana starrte den Zwerg an.
“Keine Sorge”, brummte der. “Er wird schon noch mögen. Oder jemand anderes, such Dir einen aus! Ich kann dir zeigen, wie. Wenn du mir bei ein paar anderen Sachen hilfst. So läuft das hier im Wald. Eine Hand wäscht die andere, was, Sami? Sami nickte und hechelte Beffaná an.
“Und Sami hier, den kannst du gern für ein paar Tage mit nach Hause nehmen. Zum Observieren taugt er nicht.”
“Aber…” Sami kläffte sein Herrchen an, jaulte dann und zog den Schwanz ein.
Beffaná schaute unsicher von einem zum anderen. Einen Hund würde ihr Vater sowie niemals erlauben.
Der Krampus steckte Sami ein kleines Hundeküchlein zu und lächelte zufrieden, während Sami ihn gierig verschlang.
“Auch das Problem mit deinem Vater werden wir bald lösen, da bin ich mir sicher. Oder nicht, Sami?”
Der Hund sprang aufgeregt in der Küche herum.
“Na los, Beffaná, wann gehen wir endlich nach Hause?”
Als sie vor die Tür traten, war es draußen schon stockdunkel und Beffaná fühlte sich merkwürdig erschöpft.
“Morgen Abend”, schnaubte der Krampus. “Seit pünktlich.”

“Der Krampus ist okay”, sagt Sami, während er sich zufrieden auf Beffanás Teppich zusammenrollt. Die Schüssel mit Haferflocken aus ratzekahl leergefuttert.
“Sag schon, was ist der Trick mit diesen Weidenkätzchen?”
“Ist kein Trick”, sagt Beffaná. “Mein Vater kann sowas eben. Konnte er immer schon. Als ich klein war, hab ich geglaubt, dass er ein Zauberer ist oder sowas. Gute Nacht jetzt, Sami.”
“Aber Beffaná…!”
“Schlaf jetzt, Potzblitz, morgen wird wieder ein langer Tag.”

Beffaná (St. 5, Kap. 2): Abwege

Dieses elende, kleine Frettchen!
“Hau ab, ich rat’s dir!” faucht Beffaná und klaubt ihre Schulsachen auf dem Boden zusammen.
“Jacob, Beffana! Kommt endlich zum Frühstück, in zehn Minuten müsst ihr los!”
Beffanás Vater ruft aus der Küche. Er klingt müde. Beffaná hat schon geschlafen, als er nach Hause gekommen ist.
Jakob flitzt aus ihrem Zimmer.
“Guck mal, Papa, Beffaná ist verliebt!”
Was zum… Beffaná durchwühlt ihren Haufen Bücher neben der Schultasche, die ihr Bruder ausgekippt hat. Das Buch ist weg. Und schlimmer noch: Das, was drin lag, der Zettel! “Liebe…. Joshua” Die einzigen Worte, die von Joshuas Nachricht noch zu lesen waren.
“Beffaná, komm jetzt bitte!”
“Papa, er hat das Buch geklaut!”
Sie stürmt ihrem Bruder hinterher in die Küche. Der sitzt bereits Beine baumelnd an seinem Platz und streckt ihr die Zunge raus. In der linken Hand hält er triumphierend die verwaschene Nachricht.
Beffanás Vater gießt sich eine große Tasse Kaffee ein.
“Beffaná, Du auch?”
“Tee, bitte. Bleib sitzen, ich mach ihn mir schon selbst. Papa, sag ihm, dass er mir den Zettel wiedergibt!”
“L-I-E-B-E J-O-S-H-U-A!” kräht Jacob. “Beffaná ist verliebt!”
“Was ist das für ein Zettel?” fragt ihr Vater.
“Ein Liebesbrief!” Jacob ist nicht zu bremsen.
“Joshua aus meiner Klasse hat gefragt, ob ich mit ins Kino will. So ein Zettel ist das”, murmelt Beffaná.
“Verstehe”, sagt ihr Vater. Er streicht sich durch den Vollbart.
Er sieht wirklich müde aus, denkt Beffaná.
“Nein, verstehst du nicht”, sagt sie. “Es ist nur Kino.”
“Welcher Film?” fragt Jacob.
“Welcher Film?”
“Welcher Film, welcher Film?!”
“Ich weiß nicht, welcher Film!”
“Man geht doch nicht ins Kino, ohne zu wissen, in welchen Film!” kräht Jacob. “Du brauchst beim Bäcker 5 Minuten, um Dir das richtige Croissant auszusuchen!”
“Hat er Recht.” grinst ihr Vater.
“James Bond!”
Beffanás Vater rollt mit den Augen.
“Ich beginne Jacob zuzustimmen.”
“Und guck mal, Papa! Hier, das steht dein Name drauf!”
Jacob holt das Buch unter dem Tisch hervor, das Buch aus der Wohnung von Frau Schniggenfittich. “Kaitus, der Zauberer”.
“Wo hast du das her, Jacob?”
“Aus Beffanás Tasche!”
“Woher, Beffaná?”
Seine Stimme klingt ungewöhnlich scharf. Das ist mehr als nur Müdigkeit.
“Frau Schniggenfittich. Woher hat die ein Foto von euch? Mit ihr selbst in der Mitte zwischen euch?”
Nicht über das Buch reden, denkt sie. Zumindest nicht, wie genau sie zu dem Buch gekommen ist.
“Was meinst du mit ‘Foto von euch’?” fragt ihr Vater. Doch er kennt die Antwort. Sie hört es an seiner Stimme.
“Und wo warst du gestern Abend?” bohrt Beffaná weiter. Sie kennt die Tricks. Am besten immer selbst zum Angriff übergehen. Besser selber bohren, als durchbohrt zu werden.
Ihr Vater schaut sie an. Ernst, irritiert, dann traurig. Auf die Art traurig, die Beffaná gar nicht mag. Auf die Art, dass sie ihm alles erzählen und ihn nur wieder fröhlich machen möchte.
“Beffaná, du weißt doch, wo ich war. Ich brauche manchmal Zeit. Ich geh Spazieren. Das ist alles.”
“Ja, okay. Ich mein’ nur…”
“was meinst du, Beffaná?”
“Ich mein’ nur, Jacob war allein zuhause, und ich bin erst spät aus der Schule heimgekommen. Das ist nicht in Ordnung!”
“Ich hab Verstecken gespielt”, sagt Jacob.
“Mit dir selbst?”
“Nein, mit dem Spiegel! 5 Minuten hab ich ich’s geschafft!”
“Lass uns heute Abend reden”, sagt ihr Vater. “Über alles. Ihr müsst jetzt zur Schule. Komm Jacob, ich fahr dich… Jacob? Wo ist er jetzt schon wieder hin?”
Manchmal verschwindet Jacob einfach.
“Bin schon angezogen!” kräht der von der Garderobe her. “Ich will vorne sitzen!”
“Im Traum vielleicht”, murmelt Beffanás Vater. Dann steht er auf und zwinkert ihr zu. “Bis heute Abend, Große.”

Sie braucht ein paar Minuten, um ihre Tasche zu packen. Zu lang, um mit Jacob und ihrem Vater zusammen runter zu gehen. Erst im Treppenhaus beschleicht sie ein ungutes Gefühl. Frau Schniggenfittich, hoffentlich lauert die nicht wieder hinter ihrer Tür. Der Fahrstuhl ist immer noch defekt. Aber es gibt einen Ausweg. Beffaná steigt aufs Treppengeländer. Früher hat sie das andauernd gemacht. Warum auch nicht? Jetzt ist sie sogar noch schneller! An Frau Schniggenfittichs Wohnung ist sie so schnell vorbei, dass sie gar nicht weiter drüber nachdenken kann. Aber was war das gerade? War das nicht ein Bellen? Kann nicht sein. Frau Schniggenfittich hat keinen Hund. Hätte sie ja spätestens gestern bemerkt. Und die aus dem Dritten haben auch keinen, das ist Tessas WG und die hat Allergie. Gegen alles, irgendwie. Aber da hört sie es wieder. Ein Bellen. ganz klar. Beffana ist am Sims der Treppe im Eingangsflur angekommen. Gerade klebt ein Mechaniker Absperrband vor den Fahrstuhl. Na toll, das dauert wieder mindestens einen Monat, denkt Beffaná, als sie das Haus verlässt.

Zum Glück ist der Bus pünktlich. Aber er ist voll. Und sie muss stehen. Eigentlich wollte Beffaná sich das Buch genauer ansehen. Es ist wohl ein Kinderbuch. Über einen Jungen, der nur Unsinn im Kopf hat und sich auf irgendeine Art das Zaubern beibringt. Beffaná hat gestern nur den Klappentext und die ersten paar Seiten gelesen. Fast schläft sie im Stehen ein, aber drei Haltestellen, bevor sie umsteigen muss, sieht sie draußen auf dem Bürgersteig etwas, das sie stutzig macht. Ist das ein Fuchs, dort? Wahrscheinlich eher ein Hund, aber ein rotbrauner, und genauso groß, wie Beffaná sich einen Fuchs vorstellt. Sie hat noch nie einen Fuchs in echt gesehen. Er trabt kurz auf dem Gehsteig im strömenden Regen neben dem Bus her, doch dann, an einer großen Kreuzung, verliert Beffaná ihn aus dem Blick. Heute ist ein kurzer Schultag. Außerdem fast nur Vertretungsstunden. Und Joshua. Eigentlich hat Jacob Recht, oder? Was ist denn das für eine Frage, ‘ins Kino’? Was heißt denn hier ‘Ins Kino’? Welcher Film? Wer bezahlt? Ist das eine Verabredung? Eine Einladung? Ein Date? Will er eine Wette gewinnen? Oder steht er einfach auf Filme, die kein Kumpel mit ihm gucken will? Vielleicht ist er ja schwul. Wahrscheinlich sogar, eigentlich sieht Joshua viel zu gut aus, um nicht schwul zu sein. Aber was geht’s mich überhaupt an?
“Kindchen, entweder du kommst selbst in die Hufen, oder ich nehm’ dich Huckepack!”
Was? Moment! Beffaná schrickt aus ihren Gedanken auf.
Die Busfahrerin steht mit verschränkten Armen vor ihr und schüttelt ihren Kopf. Die Frau ist riesig, mindestens Eins Neunzig groß, breit wie ein Kleiderschrank und hat beeindruckende Segelohren.
“Aufwachen, Lady! Endstation!”
“Endstation?”
“Aber sowas von. Noch drei Meter weiter, den Hügel rauf und Du kannst den Arsch der Welt besichtigen.”
Nicht das noch. Sie hat den Umstieg verpasst. Um fünfzehn Stationen oder so!
“Wann geht denn der nächste zurück?”
“Na, immer um halb und um voll. Du musst hier trotzdem raus, ich darf keinen drinlassen, wenn ich abschließe.”
“Aber es regnet und ist kalt…”
“Und ich muss trotzdem pinkeln. Raus mit dir. Dahinten gibt’s ‘nen Unterstand, siehst du?”
“So ein Mist! Aber, ja, danke…”
“Bin in zehn Minuten wieder da. Willst’n Kaffee haben? Ich geb einen aus.”
“Das wär toll, danke.”
Sie steigen beide aus dem Bus und die Fahrerin schenkt Beffaná Kaffee aus ihrer Isolierkanne ein.
“Setzt dich da hinten auf die Bank im Unterstand”, sagt sie. “Und Kopf hoch, is’ doch nicht weiter schlimm. Was verpasst du denn gerade. Schule, oder?”
“Erdkunde.”
“Erdkunde, was. Also, gut, Erdkunde. Das hier Schätzchen”, sagt die Busfahrerin und macht mit ihrem rechten Arm einen großen Halbkreis um sich herum, “Das is’n Wald. Bäume, Pfützen, noch mehr Bäume und… schau an, hast du echt Glück heute, und’n Fuchs. Is ja richtig idyllisch hier, heute. Wenn’de Schiss kriegst, ich bin auf’m Klo.”
Die Busfahrerin drückt Beffaná Tasse und Kanne in die Hand und stapft davon in Richtung eines Wellblechverschlags und schlägt die Tür hinter sich zu. Doch Beffaná achtet gar nicht mehr auf sie. Sie starrt auf den Fuchs, der am Waldrand steht und zu ihr herüber schaut.
Es ist ohne Zweifel der Fuchs von eben in der Stadt. Wie hat er das gemacht? Er muss wie der Teufel gerannt sein. Kurz dreht er sich um, als wolle er in Richtung Wald verschwinden, dann schaut er wieder zu Beffaná und bellt ein paarmal. Wieder bleibt er stehen. Beffaná kneift die Augen zusammen. Sie ist sich ziemlich sicher, dass er ein Halsband trägt. Gibt es sowas, bellende Füchse mit Halsbändern? Eher nicht. Also ist es ein Hund. Wieder schwenkt der seinen Kopf in Richtung Wald und bellt.
“Was willst du?” ruft Beffaná. “Ich hab nix zu fressen! Außer, du magst Kaffee!”
Der Fuchs/Hund starrt zu ihr herüber. Beffaná ist kalt, sie nimmt einen tiefen Schluck aus dem Kaffeebecher. Gar nicht mal schlecht, denkt sie. Aber Kräutertee ist trotzdem besser. Sie hält die Tasse vor sich hin:
“Ich hab nur Kaffee! Also was jetzt?”
Der Hund zögert, dann trabt er auf sie zu. Beffaná hat keine Angst. Er ist nicht groß, sie könnte locker mit ihm fertig werden. Als er bei ihr angekommen ist, setzt er sich vor sie hin und wartet.
“Potzblitz, willst wohl gestreichelt werden,” sagt Beffaná und krault den Hund vorsichtig hinter den Ohren.
Der Hund schaut sie an.
“Jedenfalls besser, als im Regen rumzustehen. Jetzt schnapp Deine Sachen und komm endlich mit. Und vergiss den Kaffee nicht, den wird er mögen.”

Beffaná (St. 5, Kap. 1): Zwei-Zettel-Dienstag

Am Dienstag ist es immer spät. Am Dienstag dauert die Schule ewig. Die Busse fahren nie nach Plan, und wenn der erste einmal pünktlich ist, dann wartet sie stundenlang auf den zweiten. Oder der erste ist verspätet und der zweite ist schon weg. Und heute war auch noch die Bushaltestelle verlegt und es hat geregnet. Eisig kalt geregnet und an der Ersatzhaltestelle gab es keine Überdachung. Manchmal glaubt Beffaná, dass der Regen extra wartet, bis sie draußen ist und weit und breit kein Unterstand. Und dann, dann legt er los. So richtig. Manchmal bekommt der Regen eine gesalzene Standpauke von ihr zu hören. Egal, was die anderen Leute neben ihr auf der Straße sagen. Dann stellt sie sich breitbeinig auf den Bürgersteig, stemmt die Hände in die Hüften, schaut nach oben und brüllt den Regen an:
“Ey, Regen!” brüllt sie. “Spiel doch mal mit jemand anderem. Ich find das langsam nicht mehr lustig.”
Das ist allerdings ein klitzekleinesbisschen gelogen. Denn obwohl der Regen kalt ist und die Sachen an ihr kleben, mag Beffaná es irgendwie, wenn ihr die Tropfen über das Gesicht rinnen. Trotzdem: Soll der Regen jetzt woanders spielen gehen. Oder bis zum Frühling warten. Heute ist es kalt. Und fast schon dunkel. So lange hat der Schultag gedauert. Und Beffaná will endlich nach Hause. Trockene Sachen anziehen. In der Küche sitzen. Die leicht verbrannten Kekse ihres Vaters futtern und in die erste Kerze auf dem Adventskranz starren. Bis spät in Abend. Und am besten ihren kleinen Bruder nicht ertragen müssen.

Doch zu allererst kommt es an diesem Dienstag noch schlimmer als bloß kalter Regen. Denn als sie im Treppenhaus steht, sieht sie das Schild. “Der Fahrstuhl ist defekt!”. Potzblitz! Acht Stockwerke die Treppe laufen, mit nassen Stiefeln und einer Schultasche so schwer wie Madagaskar. Beffana weißt zwar nicht, wie schwer Madagaskar ist, aber sie weiß, dass Madagaskar eine riesengroße Insel ist. Die wird schon ein paar Kilo auf die Waage bringen, denkt sie. Heute im Bus war M dran. Beffaná lernt Länder, Städte und Flüsse auswendig. Für Stadt, Land, Fluss. Damit sie ihren Vater endlich einmal schlägt. Denn der kennt alle Länder, irgendwie. Und Flüsse. Und Städte. Himmel, er kennt Städte, die kann es gar nicht geben. Gibt es aber. Jedesmal, wenn sie später heimlich im Atlas nachschaut, findet sie sie. Darum lernt sie seit Wochen wie verrückt. In der Pause und im Bus. Heute waren es Länder mit M. Macao, Madagaskar, Malaysia, Malediven, Malta, Marokko, Martinique, Mauretanien. Nie im Leben kennt ihr Vater Martinique. Niemand kennt Martinique. Das sind mindestens 10 Punkte! Aber erst mal Treppen steigen. Erstes Stockwerk. Beffaná sieht, dass sie eine nasse Spur auf der Treppe hinterlässt. Zweiter Stock. Die nasse Spur wird gar nicht kleiner, so nass ist Beffaná geworden. Dritter Stock. Hauptsache die Alte aus dem Vierten kommt nicht raus und sieht die nasse Spur. Dann gibt’s Gemecker. Wie bei einer Ziege, nur viel ziegigier. Und meckriger. Und lauter. Und…
“Bleib steh’n!”
Und überraschender! Hat sie sich hinter ihrer Tür versteckt? Hat sie auf Beffaná gewartet?
“Komm herein!”
Beffaná zuckt zusammen. Sie war noch nie da drinnen. In der Wohnung von Frau Schniggenfittich. Beffaná hat fast vor nichts Angst. Aber vor Frau Schniggenfittich schon. Die ist ihr schon immer unheimlich gewesen. Obwohl ihr Vater sagt, dass sie okay ist.
“Beffaná!”
“Ich muss wirklich schnell nach oben zu…”
Doch Frau Schniggenfittich hat sie bereits am klatschnassen Arm ihrer Jacke gepackt und zieht sie in die Wohnung.
Drinnen riecht es seltsam. Gar nicht Alte-Leute-Seltsam, sondern Buchladen-Seltsam. Alte-Leute-Seltsam, das ist mehr Kohl und nasse Handtücher. Buchladen-Seltsam ist eben Buchladen-Seltsam. Altes Papier und Einsamkeit. Beffaná hat kaum Zeit sich umzuschauen, da hat sie bereits die Hand der Alten vor dem Gesicht.
“Lass das mal besser nicht die Herren oben finden, besonders nicht den kleinen Quälgeist.”
In Frau Schniggenfittichs Hand flattert ein Zettel. Beffaná erkennt ihn auf der Stelle. “Aber wie…?”
“Waschkeller.” sagt die Alte. “Ist bestimmt aus deiner Hosentasche gefallen und dein Hans-Guck-in-die-Luft-Vater hat es nicht bemerkt.”
Der Zettel ist von Joshua. “Liebe Beffaná, willst Du mit mir ins Kino? Joshua” steht da drauf. Stand da drauf, wie Beffaná jetzt erschrocken feststellt. Der Zettel hat ganz offensichtlich eine Wäsche nur halb überstanden. Jetzt erkennt sie nur nur noch “Liebe” und “Joshua”.
“Aber woher wussten Sie, dass das meiner ist?”
“Hier im Haus gibt’s nur eine, die Joshua-Zettel bekommt, hab ich nicht Recht?”
“Danke sehr, Frau Schniggenfittich…”
“Du bist nass. Du tropfst die Wohnung voll.”
“Tut mir leid. Es regnet draußen.”
“Du sprichst in Rätseln, kleine Beffaná.”
Das ist das Schlimmste. Wenn die Leute ‘kleine Beffaná’ zu ihr sagen.
“Ich bin nicht klein.”
“Oh doch, das bist du, Liebchen. Klein und ahnungslos. Verschwinde jetzt.”
Und wusch! ist die Alte irgendwo in den Tiefen ihrer Wohnung verschwunden. Beffaná wartet. Wo ist sie wohl hingegangen? Endlich hat sie Zeit, sich umzuschauen. Sie steht in einem fensterlosen, schlauchigen Flur, von dem rechts und links Türen in andere Zimmer führen. Direkt neben Beffaná steht eine niedrige Kommode, über der ein paar alte, verblichene Fotos hängen. Ob Frau Schniggenfittich Kinder hat? Das junge Paar auf dem Foto, rechts und links von einer mittelalten Frau, das könnten ihre Kinder sein. Denn das in der Mitte, erkennt Beffaná sofort, das ist die Alte. Nur in jünger. Aber irgendetwas lässt sie stutzen. Komisch. Nur, was ist es? Beffanás Blick schweift über die Kommode.
“Tropf nicht alles voll und mach die Tür hinter dir zu!” tönt es aus einem der Zimmer am Ende des Flures. Beffaná dreht sich zum Ausgang. Doch gerade, als sie gehen will, bleibt ihr Blick an einem Buch hängen, dass ganz am Rand der Kommode liegt. Der Titel lautet “Kaitus, der Zauberer” und unten am Buchdeckel klebt ein sehr alter, blassgelber Post-it-Zettel mit vier Buchstaben darauf. “ANIL”. Beffaná erstarrt. Das kann nicht sein!
“Muss ich erst kommen und dir Beine machen?”
Aus dem Zimmer am Ende des Flures schlurfen Schritte heran. Für eine Sekunde lang dreht sich die ganze Welt um Beffaná herum, nichts steht an seinem Platz. Dann kommt sie zur Besinnung. Ohne weiteres Zögern greift sie nach dem Buch und rennt aus der Wohnung. Fünfter, sechster Stock. Hinter sich hört Beffaná die Stimme von Frau Schniggenfittich. Doch sie schreit nicht und sie schimpft und meckert nicht.
“Nimm dich bloß in Acht!” ruft sie und dann fällt unten im vierten Stock die Tür ins Schloss.
Erst oben im achten, vor ihrer Wohnungstür bleibt Beffaná stehen. “ANIL”, das kann kein Zufall sein. Anil ist der Name ihres Vaters. Und Beffaná kennt niemanden sonst, der Anil heißt. Trotzdem hat sie etwas Verbotenes getan. Sie hat etwas gestohlen. Und die Alte hat es bestimmt bemerkt. Das hat sie doch gemeint mit “Nimm dich bloß in Acht!”. Beffaná beschließt, Dienstage noch ein bisschen weniger zu mögen, als eh schon. Und gerade, als sie die Wohnungstür aufschließt, da fällt es ihr ein. Das war es. Das auf dem Foto, das waren nicht die Kinder von Frau Schniggenfittich! Der junge Mann, da ist sie sich jetzt sicher. war ihr Vater. Und in Beffaná kriecht eine Ahnung hoch, wer die junge Frau gewesen sein muss. Potzblitz!

Staffel 5: Beffaná begins – Intro

Hi, Matthias hier. Ich bin der Typ, der sich die Geschichten von der Weihnachtshexe Beffana ausgedacht hat. Na ja. Nicht alle. Die dritte Staffel über die Weihnachtshexe Beffana, also die Geschichten vor zwei Jahren, die hat meine Familie erfunden und ich hab nur geholfen sie einzulesen und ins Internet hochzuladen. Und sie sind ganz toll geworden. Falls Du sie noch nicht kennst, musst Du sie Dir ganz dringend anhören. Und die Geschichten der zwei Staffeln davor natürlich auch.

Beffana ist, soviel für alle, die sie noch gar nicht kennen, Beffana ist eine Weihnachtshexe, die zu Weihnachten herumfliegt und Geschenke an alle verteilt, die sonst keine Geschenke bekommen. Und dabei erlebt sie so viele Abenteuer, dass sie es natürlich nie schafft, alle Geschenke zu verteilen und ein Jahr später fliegt sie wieder los, auf ihrem Besen, mit einem riesengroßen Geschenkesack auf der Schulter. Und sie findet jedes Jahr neue Freunde, die ihr dabei helfen, noch mehr Geschenke zu verteilen, damit auch niemand vergessen wird.

Im letzten Jahr gab’s statt Beffana-Geschichten ganz viele Lieder aus dem Liederbuch der Weihnachtshexe. Denn da hatte ich plötzlich Lust auf’s Reimen und Musik machen. Das ist ja das tolle, wenn man sich selbst Geschichten ausdenkt: Man kann einfach das machen, was man möchte. Du musst nicht gespannt warten, bis endlich das nächste Buch von Deiner Lieblingsgeschichtenreihe herauskommt. Oder die nächste Hörgeschichte. Und jetzt stell Dir mal vor, die Erfinderin Deiner Lieblingsgeschichte hat plötzlich keine Lust mehr, weiter zu schreiben und das Buch mit der großen Auflösung der Geschichte erscheint einfach nicht. Da ist es viel besser. wenn Du Dir alles einfach selbst ausdenkst. Und soll ich Dir mal was verraten: Selbst ausdenken ist sogar genau so spannend wie nur hören oder lesen. Du wachst morgens auf und hast keine Ahnung, wie es heute weitergeht. Und abends gehst du glücklich ins Bett, weil Du es endlich weißt. Weil Du es Dir selbst ausgedacht hast.

Das ist überhaupt das zweitcoolste an dieser ganzen Sache. Und das allertollste ist, wenn Du die Geschichte vorliest und als Podcast ins Internet stellst und Du bekommst dann Nachrichten von anderen, die sich die Geschichte angehört haben. Sie schreiben, was sie an den Geschichten toll finden, und was sie sich wünschen, wie es weitergeht und welche Figur sie am liebsten mögen und dass sie sich die Geschichten immer schon morgens vor der Schule anhören. Oder abends, mit der ganzen Familie. Oder beim Hausaufgaben machen. Oder alle hintereinander am zweiten Weihnachtsfeiertag. Das ist oberknorke, finde ich.

Dieses Jahr läuft die Sache wieder ganz traditionell: An jedem Dezembertag des Jahres 2020 gibt es bis Weihnachten eine neue Geschichte über die Weihnachtshexe Beffana, über ihre Freunde und die Monster, die sie trifft. Ich weiß nicht, wie’s Dir geht, aber ich freu mich schon total auf die Adventszeit. Ich würd Dir gerne schon ein wenig mehr darüber verraten, worum es in den nächsten 24 Folgen der Weihnachtshexe Beffana geht. Aber erstens wär das ja ein bisschen spielverderbermäßig. Und zweitens weiß ich’s selbst auch noch nicht. Denn bei mir ist das so: Wenn’s im Dezember abends dunkel wird, wenn draußen der Wind heult, wenn alle zuhause sitzen, auf den Adventskranz starren und sich auf Weihnachten freuen, dann mach ich’s mir vor meinem Computer gemütlich, trinke viel zu viel Tee und Cola und denke mir Geschichten über die Weihnachtshexe Beffana aus. Das ist, wenn Du mich fragst, die schönste Art, die vier Adventswochen zu verbringen. Ach so, eine Sache kann ich Dir doch schon verraten: Die neue Beffana-Staffel heißt “Beffana Begins”. Es geht also darum, wie die Weihnachtshexe Beffana eigentlich zu dem geworden, was sie heute ist: Die berühmteste Weihnachtshexe der Welt mit den besten Freundinnen und Freunden der Welt. Ich glaube, das könnte eine ziemlich interessante Geschichte werden. Lassen wir uns doch einfach mal überraschen, findest Du nicht? Toll, dass Du da bist und jetzt ganz viel Spaß mit der fünften Staffel der Weihnachtshexe Beffana. Ab Dienstag, dem 1. Dezember geht es los. Pünktlich um Mitternacht. Potzblitz!

Staffel 4 – Kapitel 25 – SPEZIAL: Schneemannlieder

Einen guten Rutsch ins Jahr 2020 wünscht der Beffaná-Podcast! Heute mit einer Spezialsendung, in der die Schneemannlieder vorgestellt werden, die zwei Fans des Beffaná-Podcasts selbst geschrieben und eingesungen haben. Viel Spaß!

Staffel 4 – Kapitel 23: Stadtmusikanten

Was geschieht eigentlich, wenn Monster kein Fleisch mehr essen können, weil die Tiere keine Lust mehr haben? Von genau dieser Situation erzählt der vorletzte Song der 4. Staffel des Beffaná-Podcasts.

In dieser Folge wurden zwei CC-Soundfiles von https://freesound.org verwendet.
1. Schweinegrunzen: https://freesound.org/people/felix.blume/sounds/434384/
2. Drummroll: https://freesound.org/people/kiddpark/sounds/457210/